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Stellungnahme des BVAQ

26.03.2014

Sehr geehrter Herr Bundesminister Schmidt,

der Bundesverband Aquakultur (BVAQ) begrüßt den von der Arbeitsgruppe der Fischereireferenten des Bundes und der Länder im Sinne des Artikels 43 der künftigen Grundverordnung für die Gemeinsame Fischereipolitik der Europäischen Union und gemäß Artikel 34 der Verordnung (EU) Nr. 1380/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates über die Gemeinsame Fischereipolitik vorgelegten Entwurf für einen „Nationalen Strategieplan Aquakultur für Deutschland“ und nimmt dazu – in Ergänzung einzelner Stellungnahmen von unseren Mitgliedern im Rahmen der öffentlichen Anhörungsphase - in seiner Eigenschaft als übergreifende Interessenvertretung der Aquakultur in Deutschland Stellung.

Die kontrollierte Erzeugung von aquatischen Organismen im Rahmen der Aquakultur hat vor dem Hintergrund der Entwicklung der Weltbevölkerung und der globalen Nachfrage nach eiweißhaltigen Produkten in den vergangenen Dekaden rasant zugenommen. Wir rechnen mit einer Fortsetzung dieses Trends in der Zukunft [1] und sehen eine große Chance für die Entwicklung von wettbewerbsfähigen Technologien für eine nachhaltige, umweltschonende und ethisch verantwortungsvolle Produktion von aquatischen Organismen am Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Aquakulturbranche ist Teil von Wertschöpfungsketten, die neben den Märkten für Nahrungs- und Futtermittel auch die für Anlagen und Maschinen, Messinstrumenten, Energieträger, Dienstleistungen sowie kosmetische und pharmazeutische Erzeugnisse umfassen.

Die Aquakultur bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber ähnlichen Aktivitäten in anderen Wirtschaftsbereichen. Neben einem Ressourcenverbrauch, der bei Kreislaufanlagen (KLA) sogar vernachlässigbar gering sein kann, und einem vergleichsweise geringen ökologischen Fußabdruck ist die Aquakultur imstande, ein kontinuierliches Angebot an Produkten sicherzustellen, die Umsetzung höchster Qualitätsstandards (etwa beim Tierwohl und der Hygiene) zu garantieren,die vollständige Rückverfolgbarkeit der Endprodukte zu gewährleisten, kurze und energiesparende Transportwege, durch den regionalen Bezug der Produktion zu ermöglichen und den unnötig hohen Druck auf die natürlichen Fischbestände zu verringern. Zudem lässt sich die Aquakultur mit Maßnahmen des Umweltschutzes (Arten- und Naturschutz, Nutzung erneuerbarer Energien) kombinieren. Investitionen in der Aquakulturbranche schaffen Arbeitsplätze und generieren Steuereinnahmen im Inland und tragen dazu bei, neue Märkte im Ausland zu erschließen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern zu vertiefen.

Damit sich die Aquakulturwirtschaft in Deutschland voll entfalten kann, muss sie dem einzelnen Produzenten einen angemessen Anteil an der Wertschöpfung der Branche ermöglichen. Nur dann können Investitionen in der Aquakultur lohnend und auch sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig sein. Dies setzt jedoch voraus, dass die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Aquakultur in Deutschland so gestaltet werden, dass sie sich im internationalen Standortwettbewerb als attraktiv für ein langfristiges Engagement von inländischen und ausländischen Investoren erweisen.

Um das Potential der Aquakultur in Deutschland auszuschöpfen, müsste(n)

1. die Rahmenbedingungen für die Aquakultur in den sechzehn Bundesländern harmonisiert werden. Dies gilt insbesondere für die administrativen Hemmnisse, die an Land wie im Meer die Aquakulturwirtschaft in Deutschland stark erschweren. Diese Hemmnisse sollten zügig abgebaut und durch bundesweit aquakulturfreundliche Regelungen ersetzt werden. Dabei sollte von einer Gleichbehandlung der Erzeugung aquatischer Organismen in der Fischerei, der Teichwirtschaft und der Aquakultur ausgegangen werden.

2. das Verfahren für die Antragstellung für die erforderlichen öffentlich-rechtlichen Genehmigungen beschleunigt und vereinfacht und bei einer einzigen Behörde in jedem Bundesland gebündelt werden. Besondere Bedeutung kommt der baurechtlichen Privilegierung der Aquakultur in Analogie zur Landwirtschaft zu.

3. Gebiete im Meer und an Land, die für die Aquakultur geeignet sind, in der jeweiligen Landesraumplanung ausgewiesen und der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden, um eine mögliche Raumkonkurrenz mit anderen Nutzungsformen zu vermeiden. Vertreter der Aquakulturwirtschaft und der einschlägigen Verbände sollten ebenso wie die Umweltverbände an der Identifizierung dieser Gebiete beteiligt werden.

4. die Auswahl des Standorts, der Produktionsverfahren und des zu erzeugenden Produkts (aquatische Organismen, Anlagen und ihre Teile, Aquakulturdienstleistungen) vorrangig den Unternehmen überlassen werden. Diese originär unternehmerische Entscheidung wird in Abhängigkeit von der Qualität der herrschenden Rahmenbedingungen an Land und im Meer getroffen. Aufgabe der Politik und der Verwaltung ist es, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Aquakultur so zu setzen (siehe 1. und 2.), dass inländische und ausländische Investoren für den Wirtschaftsstandort Deutschland gewonnen werden können.

5. Kreislaufanlagen ebenso wie andere Technologien für die Produktion von Besatzfisch, Besatzmuscheln und Besatzalgen sowie Konsumfisch im kommerziellen Maßstab zugelassen sein. Die bisherigen Erfahrungen mit KLA in Deutschland und im Ausland, sowohl bei der kommerziellen Nutzung als auch in der Forschung (kaltes und warmes Wasser, Salz- und Süßwasser), sprechen für einen weiteren Ausbau dieser emissionsarmen und ausgesprochen ressourcensparenden Technologie.

6. die Zertifizierung von Produktionsverfahren und Produkten der Aquakultur unterstützt werden. Die Wirtschaftlichkeit von Aquakulturanlagen hängt in der Regel davon ab, dass verlässliche Absatzkanäle für Aquakulturprodukte gefunden werden. Die Zertifizierung von Produktionsverfahren und Produkten erleichtert die Vermarktung von Aquakulturprodukten in Deutschland und im Ausland.

7. eine positiv aufklärende Öffentlichkeitsarbeit für eine nachhaltige Aquakultur von Bund und Ländern gefördert werden.

Der BVAQ übernimmt voll und ganz die Inhalte und Bewertungen des „Fachforums Aquakultur“ zu einigen zentralen Fragen der Aquakultur in Deutschland (Forschungsstrategie der Deutschen Agrarforschungsallianz) vom Oktober 2013.

Der BVAQ befürwortet mit Nachdruck einen institutionalisierten Dialog der Aquakulturwirtschaft und –forschung mit der Politik und steht der Politik und den beteiligten Behörden bei der Umsetzung des „Nationalen Strategieplans Aquakultur“ als Kooperationspartner gerne zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Bela H. Buck

 

[1] Einer aktuellen Prognose zufolge wird im Jahr 2030 zwei Drittel des globalen Verbrauchs an Fisch aus der Aquakultur stammen. Vgl. World Bank (2013), Fish to 2030. Prospects for Fisheries and Aquaculture, World Bank Report 83177-GLB, Washington (Dezember).