Sie sind hier

Zuckertang

Zuckertang, Saccharina latissima (früher: Laminaria saccharina)

 

 

Lebensraum

Diese Alge wächst im Sublitoral (=ständig untermeerischen Lebensraum) der arktisch-kaltgemäßigte Küsten im Nordatlantik. Im Nordpazifik kommen ähnliche Arten vor, zum Beispiel ist in Nordjapan (Hokkaido) Saccharina japonica (=Laminaria japonica) heimisch. S. latissima verträgt keine starke Wellenexposition und besiedelt daher im Sublitoral ruhige Hafenbecken oder als schnellwachsende Alge in der freien Natur Geröllbereiche. Auf festem Felsboden wird sie von den langlebigen und konkurrenzkräftigen Arten Laminaria hyperborea und L. digitata verdrängt, die mit längeren und festeren Stielen eine höhere Vegetation bilden und auf diese Weise etwaige, vorübergehende Vegetation von S. latissima überschattend durch Lichtkonkurrenz ausschalten. In der Natur ist daher S. latissima in weitaus geringerer Menge zu finden als L. hyperbora und L. digitata.

Merkmale

Beim Trocknen an der Luft kann der Zuckeralkohol Mannitol (oder Mannit), das Haupt-Photosyntheseprodukt aller Braunalgen, weißpulvrig aus der Alge austreten und schmeckt etwas zuckerig, daher der Name „Zuckertang“ für Saccharina latissima. Diese Alge wird nur drei Jahre alt, Laminaria hyperborea dagegen bis 15 Jahre, L. digitata bis 7 Jahre. Saccharina latissima wächst aber schneller als die beiden Laminaria-Arten und wird daher in Europa für die Aquakultur an Seilen im Meer verwendet, wie Sacharina japonica im Nordpazifik. Die Alge besteht aus dem bis mehrere Meter lang werdenden "Blatt" (Phylloid), dem "Stiel" (Cauloid) und der wurzelähnlichen Haftkralle (Rhizoid). Die Unterwasserwälder von Laminaria-Arten und die Unterwasserwiesen der niederliegenden S. latissima bieten vielen Meeresorganismen Schutz, Aufwuchsmöglichkeiten sowie Nahrungsgrundlage. Die obere Todestemperatur liegt bei den Arten von Laminaria und Saccharina bei 23°C, im unteren Temperaturbereich vertragen sie eisiges Meerwasser bei -1,8°C. 

Aquakultur allgemein

Als eine der am schnellsten wachsenden Meeresalgen wird Saccharina latissima in Europa und Kanada neuerdings in zahlreichen Forschungsprojekten gezüchtet, vor allem als mineralischer Nährstofffilter für Fischfarmen (IMTA=Integrated Multitrophic Aquaculture). Eine nennenswerte kommerzielle Jahresbiomasse ist aus diesen Projekten noch nicht entstanden. Im Gegensatz dazu wird die nahverwandte Art Saccharina japonica im Nordpazifik in Seilkultur jährlich vor allem für die Nahrungsmittelindustrie als Meeresgemüse oder Alginat-Rohstoff mit einigen Millionen Tonnen Frischgewicht kultiviert. Zu einem kleinen Teil geschieht dies im heimischen Hokkaido, zum größten Teil aber in Nordchina, wo sie im Sommer bei tödlichen Meerwassertemperaturen von bis zu 27°c in der Natur nicht zu existieren vermag und daher die Zeit von Mai bis August in Gewächshäusern an Land in gekühltem Meerwasser in Form der jedes Jahr aus Sporen neu zu züchtenden „Sommersetzlinge“ (summer sporelings) überdauert. Saccharina japonica führt heute gewichtsmäßig die Top Ten aller marinen Aquakulturarten an, und kein marines Aquakultur-Tier erreicht, von der jährlich kultivierten Biomasse her gesehen, die Jahrestonnage dieser Alge. In Japan wurde S. japonica seit langer Zeit als Meeresgemüse gegessen und auch nach China exportiert, bis China die Meereskultur dieser Alge mit künstlicher Übersommerung begann, und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative von Prof. C.K. Tseng, dem Altmeister der chinesischen Algenkunde.

Aquakultur in Deutschland

Der Aufbau der ersten Algenfarm mit Saccharina latissima im deutschen Ostsee-Bereich erfolgte 2001 durch die Firmen CRM (Coastal Research & Management) und OceanBASIS, mit Fortsetzung einer Polykultur von Saccharina latissima mit der Miesmuschel Mytilus edulis seit 2009 (Standort Kiel-Pries).

Die Sylter Algenfarm GmbH & Co.KG züchtet Saccharina latissima seit 2006 auf Sylt in Tankkultur. Die deutsche Nordseeküste fällt für die Saccharina-Seilkultur im Meer als neuartige kommerzieller Nutzung im durchgehenden Nationalpark Wattenmeer aus. Die Sylter Algenfarm wich daher zur Steigerung der Produktion durch Aufbau einer Seilkultur im Meer nach Südnorwegen aus, und zwar seit 2011 in Kooperation mit Blue Planet AS (Stavanger) im Lysefjord, dort zusätzlich auch mit Tanks an Land. Versuche mit Seilkulturen im dänischen Ostseebereich (im Kattegat) mussten aufgegeben werden, weil drei kalte Winter hintereinander (2009, 2010, 2011) die dänischen Meeres-Seilkulturen durch Eisbildung vernichteten. Auch die Meerwassertanks auf Sylt und an dänischen Ostsee-Standorten froren in diesen drei Wintern wochenlang zu, so dass eine im Winter durchgehende Tankkultur mit Saccharina latissima an Land nicht möglich war. Dagegen verhindert an der südnorwegischen Küste der wärmende Golfstrom das Zufrieren der Fjorde und auch des durchströmenden Meerwassers in Tanks an Land. Aus Norwegen werden die Algen für den Verkauf nach Deutschland transportiert, wo Saccharina latissima als Nahrungsmittel seit 2005 auf Antrag der Sylter Algenfarm zugelassen ist.

Eine projektmäßige Offshore-Aquakultur von Saccharina latissima und der Miesmuschel Mytilus edulis wurde erfolgreich von Bela H. Buck erprobt. Diese Technik wird also zur Verfügung stehen, wenn die Windparks in der Nordsee einmal vorhanden sind und Verankerungsmöglichkeiten für Aquakultur-Anlagen anbieten.

Setzlinge

Die Setzlinge (Jungalgen) werden durch Sporulation im Labor gewonnen. Die "Mutter"algen bilden im Sommer unter simulierten Herbstbedingungen (Kurztag, 10°C) keimfähiges Gewebe, sog. Sorus aus, der nach einer Reizung im Labor Millionen von Zoosporen entlässt. Diese haften sich auf das angebotene Ansiedlungssubstrat (Leinen oder Netze) und wachsen über ein Gametophytenstadium nach 4-6 Wochen zum 1-2 mm langen Sporophyten heran. Die Substrate mit den Jungalgen werden im Winter ins Freiland verbracht oder im Labor an Land weiter gehältert und im folgenden Frühsommer (Anfang Juni) geerntet. Zur Steigerung des Ertrages in der Ostsee werden die geernteten Algen auf 10 cm gekürzt, während der warmen Sommermonate im Labor gehältert und im darauffolgenden Herbst wieder in die Aquafarm ausgebracht.

Nährstoffe                                                                          

Die Anzucht von Saccharina latissima kann mit oder ohne zusätzliche Nährstoffe erfolgen.

Vermarktung

Saccharina latissima kommt typischerweise luftgetrocknet in den Handel. Heimische Farmen beliefern jedoch auch Restaurants mit frischer Ware. Die Inhaltsstoffe werden als Algenextrakt für kosmetische und medizinische Zwecke vermarktet.

Weiterführende Informationen

Algaebase species information

http://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=129132

Bartsch et al. (2008). The genus Laminaria sensu lato. European Journal of  Phycolohy 43, 1-86.

World Aquaculture Society (WAS) www.was.org

Chopin: Integrierte multitrophische Aquakultur (IMTA) von Saccharina latissima, Salmo salar und Mytilus edulis in der Bay of Fundy, New Brunswick, Kanada, http://www.unbsj.ca/sase/biology/chopinlab/index.html

FAO Global Review ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/012/i1092e/i1092e.pdf

FAO National Aquaculture Sector Overview (Germany)

http://www.fao.org/fishery/countrysector/naso_germany/en

www.algenfarm.de

Produzenten im Bundesverband Aquakultur

 

Sylter Algenfarm GmbH & Co.KG
Hafenstraße 10-12, 25992 List/Sylt

www.algenfarm.de

 

 

oceanBASIS GmbH
Tiessenkai 12, 24159 Kiel

www.oceanbasis.de

 

CRM - Coastal Research & Management  GbR
Tiessenkai 12, 24159 Kiel

www.crm-online.de

Wissenschaftliche Forschung im Bundesverband Aquakultur

AWI Project "Offshore Aquaculture": First offshore aquaculture project as a multifunctional use of offshore wind farms. Further information.

Bilder

Tankkultur am Lysefjord in Südnorwegen

 Meereskultur am Lysefjord in Südnorwegen

  

 Saccharina latissima in einer Ostsee-Algenfarm

Ernte von Saccharina latissima in Kiel