Sie sind hier

Positionspapier des Bundesverbandes Aquakultur e.V.

Präambel

Der Bundesverband Aquakultur (BVAQ) ist eine Interessensgemeinschaft der in Deutschland ansässigen und im Bereich der Aquakultur tätigen Personen [1].

Zu diesem Kreis zählt der BVAQ alle Personen und Unternehmungen, die sowohl Zuarbeit als auch Leistungen für die Aquakultur erbringen als auch Produkte oder Dienstleistungen erzeugen, nutzen oder vermarkten.

Unter dem Begriff "Aquakultur" im Sinne unserer Satzung fallen alle Kultursysteme, die der Produktion von aquatischen Organismen unter kontrollierten Bedingungen dienen [2].

Der Verband setzt sich insbesondere für innovative, wettbewerbsfähige Produktionssysteme und Produkte, für eine nachhaltige und umweltverträgliche Produktion und eine erfolgreiche Vermarktung ein.

Sein Ziel ist es, die Bedeutung der Aquakultur in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, um die Rahmenbedingungen für die gesamte Branche zu verbessern und dauerhaft zu etablieren. Durch ein verbessertes „Aqua-Klima“ sollen Kooperationen und Synergien im Sinne des Standortes Deutschland ausgeschöpft und die Vernetzung (mit vorhandenen) nationalen wie internationalen Organisationen angestrebt und vertieft werden.

Zum Status der Aquakultur

Aquakultur umfasst eine Vielzahl von Lebewesen in den unterschiedlichsten Lebensformen und Produktionssystemen, die als Ganzes oder zu Teilprodukten in den verschiedensten Branchen genutzt werden können.

Aquakultur deckt zunehmend den Bedarf der Gesellschaft an tierischen und pflanzlichen Produkten und stellt damit eine notwendige Ergänzung zur Fischerei und zur übrigen Landwirtschaft dar.

Aquakultur liefert hochwertige und essentielle Nahrungsbestandteile für die direkte oder indirekte menschliche Ernährung.

Aquakultur liefert hochwertige Wirk- und Rohstoffe für die pharmazeutische, kosmetische und Kraftstoffindustrie.

Aquakultur stellt ein innovatives Gebiet für die Verfahrens- und Messtechnik sowie für den Anlagen- und Maschinenbau dar.

In Bezug auf Produktivität und Ressourceneinsatz ist die Aquakultur im Vergleich zur herkömmlichen Nahrungsmittelproduktion eine sehr effiziente Produktionsform, die gleichzeitig neue, bisher ungenutzte Produktionspotentiale nachhaltig erschließen kann.

Derzeit stammt der überwiegende Teil der Aquakulturproduktion aus Asien und Südamerika. Jedoch ist es absehbar, dass durch das zunehmende Wachstum einer kaufkräftigen Mittelklasse insbesondere in China und Indien diese Aquakulturprodukte in naher Zukunft nicht mehr auf den europäischen Markt gelangen und somit der heimische Bedarf durch eine wachsende deutsche Aquakulturproduktion gedeckt werden muss [3].

Zur Entwicklung der Aquakultur in Deutschland

Aquakultur kann und muss einen nachhaltigen Beitrag zur Eigenversorgung mit hochwertigen, aquatischen Produkten leisten, um somit eine Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln zu garantieren.

Neben der unmittelbaren Bedeutung der Aquakultur als produzierendes Gewerbe gibt es eine Vielzahl von positiven weiteren Synergieeffekten dieses Wirtschaftszweiges. So schafft jeder Arbeitsplatz im Aquakultursektor rund drei weitere Beschäftige in sekundären Aktivitäten, wie z.B. Verarbeitung, Verpackung, Veredelung [3]. Diese zusätzlichen Arbeitsplätze werden überwiegend in ländlichen, peripheren Räumen geschaffen und tragen somit zu einer Konsolidierung strukturschwacher Räume bei.

Die derzeit vorhandenen Aquakulturen zur Produktion aquatischer Organismen in natürlichen wie künstlichen Systemen (Küsten- & Binnengewässer, landgestützte Systeme) leisten einen wichtigen Beitrag zur Eigenversorgung. Eine Erhöhung der Produktion sollte die Umwelt nicht über den gesetzlichen Rahmen hinaus belasten.

Die Aquakulturproduktion an deutschen Standorten kann und wird nur auf der Basis bewährter und sich weiterentwickelnder, nachhaltiger und weitestgehend umweltfreundlicher Verfahren und Technologien wachsen. Die Aquakulturtechnologie kann dann zu einem wichtigen Sektor der deutschen Exportwirtschaft werden.

Die Aquakultur muss als gleichberechtigter Partner gegenüber der landwirtschaftlichen Produktion gewertet werden. Sie übernimmt die mit dieser Rolle verbundenen Pflichten und Rechte. Ferner bedarf die Aquakultur eines gleichwertigen Schutzes vor der Umweltbelastung anderer, in unmittelbarer Nähe befindlicher Ressourcennutzer (z.B. industrielle und landwirtschaftliche Betriebe). Die Aquakultur ist ebenso verpflichtet, die Umwelt und andere Nutzer nicht über ein vertretbares Maß hinaus zu belasten oder zu beschneiden.

Die Aquakultur in Deutschland bedarf dringend eines klaren bundesweiten Rechtsrahmens, um gegenüber den benachbarten Ländern der EU wettbewerbsfähig zu sein.

Für die Aquakultur sollten in allen Bundesländern Nutzungsflächen (an Land, in Seen, in Fließgewässern und im Meer) ausgewiesen werden, um besonders geeignete Flächen zu sichern und die Raumkonkurrenz mit anderen Nutzern zu vermeiden, sogenannte Eignungsflächen.

Die Aquakultur bedarf eines vereinfachten behördlichen Genehmigungsverfahrens für die Erweiterung bestehender Anlagen und die Inbetriebnahme neuer Anlagen.

Zur Entwicklung neuer Verfahren für die Aquakultur

Diese Verfahren müssen folgenden Zielen dienen:

  • Die Gesundheit und das Tierwohl der produzierten Organismen muss dauerhaft gewährleistet werden.
  • Ein negativer Einfluss auf Ökosysteme und Stoffkreisläufe muss minimiert werden.
  • Die Verbrauchersicherheit muss garantiert werden.

Die Integration der Aquakultur mit anderen Produktionszweigen (Energieerzeugung, Abwärmenutzung, kombinierte Stoffkreisläufe) bietet Möglichkeiten, durch Vernetzung effiziente und vielseitige Produktionsformen aufzubauen, bei denen Abfallprodukte auch als neue Ressource verstanden und rezirkuliert werden können.

Die Aquakultur sollte innovativ sein und über Nahrungs- und Futtermittel hinaus auch neue Produkte entwickeln, die in anderen Wirtschaftszweigen dringend gebraucht werden (hohe Produktdiversität) [4].

Die Forschung- und Entwicklung in öffentlichen und privaten Einrichtungen ist für eine nachhaltige Entwicklung der Aquakultur unabdingbar. Folgende Themenschwerpunkte am deutschen Standort sind insbesondere: 

  • Entwicklung neuer Technologien, Produktionsformen und Screening neuer Arten für die Aquakultur
  • Definition der optimalen Prozessparameter für Arten und Verfahren
  • selektive Zuchtprogramme und Domestikationsforschung
  • Aufbau eigener Setzlingsproduktionen
  • Entwicklung neuer Futtermittel
  • Krankheitsprophylaxe sowie Förderung des Wohlergehens und der Gesundheit der in Produktion befindlichen Organismen.
  • Entwicklung neuer nachhaltiger vorrangig regionalwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten (u.a. lokale Herstellung, Verarbeitung und Verbrauch)

Sonstiges

Der BVAQ unterstützt die Bemühungen, die künftigen Zielsetzungen der nationalen und europaweiten Ausrichtung der Aquakultur zu formulieren, wenn diese durch Fachexperten erarbeitet werden. In diesem Zusammenhang begrüßt der BVAQ die bisher veröffentlichen Deklarationen des Aquakultur-Forums Bremerhaven [5,6,7].

Aquakultur verlangt nach angepassten, inter- und transdisziplinären Ausbildungskonzepten auf sämtlichen Ausbildungsstufen, welche umfassendes Wissen über die Biologie, Technologie, Verfahrenstechnik und Ökonomie zukunftsfähiger Produktionsverfahren vermitteln.

Der BVAQ spricht sich im Rahmen der derzeit aufgestellten Verbände auf Bezirks-, Landes-, und Bundesebene für eine neue „Verbandsarchitektur“ aus, die im Wesentlichen auf die Kooperation aller relevanten Verbänden und die kooperative Verfolgung der gemeinwohlorientierten politischen Notwendigkeiten setzt, um eine harmonische und ausgewogene Entwicklung der deutschen Aquakultur zu ermöglichen und nachhaltig zu verstärken.

Quellenangaben

  1. Siehe § 1 und § 2 der Satzung des Bundesverbandes Aquakultur
  2. Grundlage ist die Definition der FAO (2007)
  3. ICES 2012 Report of the Study Group of Social Dimensions of Aquaculture (SGSA)
  4. Hierzu zählt z.B. der Fisch als Bioreaktor für spezifische Substanzen wie Kälteschutzproteine, hochwertige Omega-3-Fettsäuren und wichtige Bausteine unerlässlicher pharmazeutischer Produkte sowie die Nutzung anderer Bestandteile wie Fischhaut, Knochen/Knorpel etc.
  5. Bremerhaven Declaration on the Future of Global Open Ocean Aquaculture, Part I und Part II
  6. Bremerhaven Declaration on the Future of Product Quality and Consumer Demands, Part I und Part II 
  7. Bremerhaven Declaration on the Future of Fish Nutrition and Aquaculture Technology, Part I und Part II